Nach dem alle verfügbaren Informationen im Internet und die Arbeit von Anderen genutzt und verwertet wurden steht die persönliche Bilanzprüfung und Kontrolle der Investor Relations an. Wie verhält sich das Unternehmen gegenüber seinen Aktionären und wie gestaltet sich die Kommunikation? In diesem vierten Teil der Serie zur Aktienrecherche erkläre ich meine wichtigsten Fragen an den Vorstand und Aufsichtsrat und zeige worauf es ankommt wenn man sich an die Veröffentlichungen der Firmen macht.

Teil 4. Bilanz und Investor Relations

Der Geschäftsbericht als Hardcopy oder online

Ganz klar kommt man in der Bilanz nicht an den Kennzahlen des Unternehmens vorbei. Die fundamentalen Daten dazu finden sich meist ganz vorn oder ganz hinten im Quartals- oder Jahresbericht der Aktiengesellschaft. Dieser wiederum wird Aktionären oft vor der Hauptversammlung sogar in Kurzform postalisch zugesandt oder man kann ihn bestellen, wenn man gerne das ganze meist toll gestaltete Buch zu Hause haben möchte um darin ein bisschen zu schmökern. Beim Besuch der Hauptversammlung lässt sich der Geschäftsbericht natürlich auch kostenlos abgreifen – und dazu meist auch noch ein paar Drinks und Snacks. Bei der Recherche die aber einem möglichen Kauf vorausgeht hole ich mir meist die ganzen Informationen auf der Homepage der AG unter dem Menüpunkt „Investor Relations“ als PDF und schaue mir dabei noch die anderen bereitgestellten Materialien wie z.B. Videos und Interviews an.

Kennzahlencheck und Feststellen des inneren Wertes

In der Gewinn- und Verlustrechnung lässt sich, je nach Detailgenauigkeit der Darstellung, schnell erkennen wie hoch der Erlös des Unternehmens in der abgelaufenen Periode vor und nach Steuern war. Leicht lässt sich klären wie hoch die Eigenkapitalquote, die Verschuldung des Unternehmens, die Liquidität und der Marktwert war. Allerdings gehört viel Fingerspitzengefühl dazu Sonderverluste oder Goodwill-Abschreibungen tatsächlich zu verstehen- daran arbeite ich auch persönlich noch. Ich selbst habe hier noch viel Arbeit vor mir Bilanzen zu lesen wie offene Bücher – vor allem deshalb gebe ich mir auch gerade noch ein Fernstudium in Finance and Economics. Letztlich ist aber das Ziel einer jeden Bilanzlektüre das Finden und Erkennen des fundamentalen Wertes eines Unternehmens. Es dürfte klar sein, dass dieser Wert sehr subjektiv und individuell erarbeitet werden kann.

Langfristige Trends sowie das Kurs-Buchwert-Verhältnis

Mir kommt es vor allem auf die Veränderungen der Erlöse und der anderen wesentlichen Kennzahlen über die letzten Jahre hinweg an. Der von mir angepasste und bereinigte Buchwert des Unternehmens wird schließlich auf die Anzahl der am Markt ausgegebenen Aktien aufgeteilt. Die Anzahl der ausgegeben Aktien findet sich oft nicht im Geschäftsbericht sondern in den anderen Wertpapierinfos auf der Investor Relations Seite. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis ist nämlich eine meiner wichtigsten Kennzahlen – schließlich will ich wissen was noch vom Marktwert übrig bliebe wenn die Firma pleite geht und alles verkauft. Im Vergleich mit den oft automatisch berechneten Zahlen der Finanzportale stelle ich manchmal dramatische Unterschiede fest – aber die „Price-To-Book“-Timeline auf macroaxis.com ist trotzdem sehr aufschlussreich wenn es um die langfristige Betrachtung des KBV geht.

Glaubhafte Kommunikation oder Saftladen?

Es ist extrem viel Arbeit sich einen Geschäftsbericht ordentlich vorzunehmen. Ich bin mir sogar sehr sicher, dass manche Aktiengesellschaften fest davon ausgehen, dass sich niemand die Mühe macht ins Detail zu gehen. Die eigene Storyline des Marketings kommt bestimmt eher bei den Spekulanten und Investoren an. Ob diese Story aber glaubwürdig ist ergibt sich nur aus dem Bericht. Idealerweise ist auch der Bericht des Vorstandsvorsitzenden zum Quartals- oder Jahresende aufschlussreich und gehaltvoll. Warren Buffett mit seinen „Letters to the Shareholders“ und deren Kommunikation mit den Anlegern von Berkshire Hathaway ist dabei natürlich die Wunschvorstellung. Nach einigen Besuchen auf den Unternehmensseiten und dem Lesen verschiedener Berichte hat sich bei mir bald ein Gefühl eingestellt – ob ich den Zahlen und dem Laden traue oder ob ich einen Saftladen erwischt habe.

Sie entscheiden selbst ob Ihnen das Geschäftsmodell, das Unternehmen und die Finanzkennzahlen zusagen und ob sie dem Vorstand des Unternehmens trauen das Schiff zu schaukeln. Die Geschichte zeigt aber leider auch, dass Bilanzfälschungen immer wieder vorkommen. Vor Betrug und Zahlenspielen ist meist niemand gefeit, allerdings gibt es auch erkennbare Anzeichen auf Unregelmäßigkeiten und Haken. Mehr dazu in Teil 5: Risiken, Auffälligkeiten und Haken.

euer Florian

P.s.: Übrigens finde ich es cool wenn manche Unternehmen versuchen ihre Aktionäre auch ein bisschen zu belohnen und zum Beispiel einen Aktionärsclub haben. Dann gibt es ab und zu ein paar Goodies wie Kalender oder Tickets per Post.

Picture by Flickr-User hygienematters under CC-License 2.0.

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