Die Inflation ist jüngst deutlich gesunken, auf unter drei Prozent in der Euro-Zone. 2022 war sie noch zweistellig. Wie geht es nun weiter – kann die Europäische Zentralbank vielleicht schon bald die Leitzinsen senken (bei der Sitzung in dieser Woche blieben sie unverändert) oder drohen neue Gefahren?

„Wir rechnen damit, dass sich die Preise 2024 innerhalb der von den Zentralbanken akzeptierten Grenzen bewegen werden, und das eröffnet Chancen für Anleger“, schreibt Brian O’Reilly, Head of Market Strategy bei Mediolanum International Funds, in einer Analyse. Doch wo und wann werden diese Chancen auftauchen? Der Analyst sieht folgende Szenarien:

Szenario 1: Ölpreisschock und energiegetriebener Bullenmarkt

Die langwierigen Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine haben seit 2020 zu erheblichen Störungen auf den Öl-, Gas- und Rohstoffmärkten geführt – und einige Anleger sehen Parallelen zu den Ölschocks von 1973 und 1979, die auf den arabisch-israelischen Jom-Kippur-Krieg folgten und zu heftigen Rezessionen führten.

Trotz der Rezessionen kam es von 1975 bis 1980 zu Aktiengewinnen, die vom Energiesektor getrieben wurden: Nicht weniger als sechs der zehn größten Unternehmen der Welt waren im Ölgeschäft tätig, darunter Exxon, Standard Oil und Shell. In dieser Phase zogen auch die Preise von Rohstoffen wie Gold an, die traditionell als Schutz gegen die Inflation gelten. Gleichzeitig entwickelten sich globale Value-Aktien besser als Growth-Aktien – ein für langsame Wachstumsphasen typisches Phänomen.

Erleben wir also wieder Rezessionen und Inflationsschübe wie in den 1970er Jahren und sehen eine daraus resultierende energiegetriebene Aktienrallye, zusätzlich beflügelt von der Hoffnung, dass die Auswirkungen von Pandemie und Krieg nachlassen werden?

Szenario 2: Weiche Landung und Tech-Rallye

Auch wenn der rasche Anstieg von Zinssätzen und Inflation in den vergangenen zwei Jahren das Wachstum dämpfen dürfte, halten viele Ökonomen eine weiche Landung für wahrscheinlich. Vor allem in den USA hat US-Finanzministerin Janet Yellen dies bereits verkündet: Hier erwartet man dieses Jahr ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2,6 Prozent – im Jahr 2023 betrug dieses 2,9 Prozent.

Das wäre immer noch weit entfernt von einer Rezession und ein bemerkenswerter politischer Erfolg. Denn die Zentralbanken schafften es in der Vergangenheit nur selten, die Inflation zu senken, ohne eine Rezession auszulösen. Aus jüngerer Zeit ist nur ein Präzedenzfall bekannt: Als die Wirtschaft nach einer Niedrigzinsphase zu expandieren begann, initiierte die Federal Reserve (Fed) 1994 einen Zinserhöhungszyklus, ohne dass es in der Folge zu einer Rezession kam. Stattdessen erlebten die Vereinigten Staaten eine Phase raschen Wachstums mit niedriger Arbeitslosigkeit. Die zweite Hälfte der 1990er Jahre stand teilweise im Zeichen der wirtschaftlichen Globalisierung und des aufkommenden Internets, was zu hohen wachstumsgetriebenen Kapitalgewinnen führte.

Viele Ökonomen gehen aufgrund der vielen Parallelen zwischen den beiden Zeiträumen davon aus, dass sich auch in diesem Jahr eine ähnliche Entwicklung abzeichnet: Abgesehen von ähnlich steilen Zinserhöhungen nach einer Niedrigzinsphase ist auch in diesem Jahrzehnt die Technologie der wichtigste Wachstumsmotor. Was in den 1990er Jahren das Internet war, ist heute die künstliche Intelligenz, von der man sich ein ähnliches Potenzial verspricht.

Szenario 3: Volatilität durch Wahlen

Im Superwahljahr 2024 wird die Politik die Märkte auf Trab halten. Weltweit steht eine Reihe nationaler Wahlen an, darunter in Mexiko, im Vereinigten Königreich und in Indien. Doch vor allem die US-Wahlen im November werden maßgeblich sein, insbesondere wenn Donald Trump kandidiert und trotz der hohen Staatsverschuldung auf eine expansive Finanzpolitik setzt. Zudem dürfte das monatelange Präsidentschaftsduell zu volatilen Märkten führen – und das schafft Chancen für aktive Fondsmanager.

Welches der Szenarien auch eintreten wird, über eines sind sich die meisten Anleger und Ökonomen einig: 2024 wird es weltweit zu Zinssenkungen kommen. Die weltweite Inflation dürfte sich bis Mitte des Jahres weiter in Richtung zwei Prozent abschwächen – und die Zentralbanken sollten Spielraum für Zinssenkungen sehen. Brian O’Reilly von Mediolanum warnt jedoch ausdrücklich:  „Die derzeitigen Markterwartungen hinsichtlich aggressiver Zinssenkungen könnten jedoch zu optimistisch sein, denn der Inflationsdruck ist noch nicht vollständig verschwunden. Es ist daher möglich, dass die Zentralbanken zögern, die Zinssätze zu früh zu senken.“

Das sieht Nadège Dufossé, Head of Asset Allocation bei Candriam, ähnlich:  „Während das robuste Wachstum in den USA einen eindrucksvollen Präzedenzfall bildet, müssen Anleger in der Eurozone aufgrund des vorsichtigen Aufschwungs Ausdauer beweisen. Die Zentralbanken, allen voran die US-Notenbank (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB), sind bei der geldpolitischen Lockerung zu einem vorsichtigen Ansatz übergegangen. Vor diesem Hintergrund ist bei der Kapitalanlage ein geduldiger Ansatz geboten.“ Überwiegende Meinung ist derzeit, dass mit Zinssenkungen in der Euro-Zone frühestens im Sommer zu rechnen ist.

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