Eine Story aus meiner Zeit des Day-Tradings. Wie ich unbewusst durch einen Fehler mein gesamtes Hab und Gut aufs Spiel setzte und alles noch einmal gut ging. Ich lernte aber, die Finger von CFDs zu lassen und mein Herz zu schonen. Spekulieren ist meine Sache nicht.

In meiner noch frischen Karriere als Hobbyinvestor war mein Ego groß und die Möglichkeiten des Internets kannten keine Grenzen. So führte auch für mich kein Weg am Day- und Minute-Trading vorbei. Schnelles Handeln und schnelle Gewinne – das versprach die Werbung, und ich sprang auf den Zug auf. Seit einiger Zeit hatte ich recht anständige Erfolge mit meinen Kurseinschätzungen gemacht. Für meine geringen Umsätze waren mir aber die Handelskosten an den Börsenplätzen zu teuer. Der CFD-Handel mit Hebel und ohne Hebel ermöglichte ein fast nebenkostenfreies Trading-Leben. Neben Aktien wollte ich mich auch in Rohstoffen und Devisen ohne teure und intransparente Zertifikate engagieren. Es war ein Leichtes, mich bei meinem Broker auch für den CFD-Handel anzumelden.

Es war, das muss ich zugeben, sehr reizvoll. Meine Hochleistungsinternetverbindung, mehrere Monitore mit Livetickern und dem professionellen CFD- und Forex-Tradertool von Flatex, die tollen Balkendiagramme, Kerzencharts und der noch ungebrochene Glaube an die Chartanalyse versetzen mich in ein tolles Wall Street-Gefühl.

Das Risiko, gehebelt an den Finanzmärkte zu agieren, war mir bewusst

Ich verbrachte mehrere Stunden täglich vor dem Trading-PC und versuchte, meinen positiven Schnitt zu machen. Ich ging short (Leerverkauf – auf sinkende Kurse setzend) und long (Kauf – auf steigende Kurse setzend) und das nicht in einem Zeitraum von ein paar Wochen, Monaten oder Jahren sondern manchmal nur innerhalb von Minuten und Stunden. Da ich nicht ganz verblendet war, legte ich nur einen geringen Teil meines Kapitals auf das CFD-Konto; das Risiko, gehebelt an den Finanzmärkte zu agieren, war mir bewusst. Daher hatte ich nach einigen positiven und negativen Erfahrungen und dem ersten Spielen am System entschieden, nur so viel Geld auf das Konto zu legen, wie ich auch bereit war, komplett zu verlieren.

Flatex hatte eine mir sehr entgegenkommende Regel – wenn das gehebelte Kapital Verluste erwirtschaftet und vom Broker eine Nachschusspflicht verlangt, werden alle Trades komplett liquidiert. Der Nachschuss konnte also nur in sehr wenigen Fällen tatsächlich mehr betragen, als ich auf meinem CFD-Konto hatte. Das Risiko bestand aber! Ich begann mit 500 € und nach einigen Monaten habe ich dieses Startgeld auf ein paar Tausend Euros vermehren können. Dazwischen lagen viele Tage von Herz-Rhythmus-Störungen, hohem Blutdruck und schweißnassen Händen. Das ist jetzt zwar übertrieben – ich bin im Grunde ein sehr ausgeglichener Typ – aber es gab schon Situationen, in denen nach nur wenigen Minuten Abwesenheit bei meiner Rückkehr zum Bildschirm große Gewinne, aber eben auch große Verluste auf mich warteten. Im Nachhinein kann ich nur den Kopf schütteln, welchem Stress ich mich in dieser Zeit freiwillig aussetzte. Doch der Spielrausch hatte mich gepackt.

Je mehr die Zuversicht wuchs – desto weniger kümmerte ich mich um meine Regeln

Ich ging nicht immer sehr hohe Risiken ein. Oft hebelte ich auch gar nicht, sondern kaufte und verkaufte CFDs auf Aktien, statt sie einfach regulär auf dem Börsenparkett zu erwerben. Ein Risiko des Totalverlusts mit zusätzlicher Nachschusspflicht – da auf Hebel (kleiner eigener Geldeinsatz – der Rest ist ein Sofortkredit der Bank) – konnte nicht entstehen, wenn ich während des Trades am PC saß und meine Positionen nur offen hielt, während auch die Börsen geöffnet hatten. Je mehr die Zuversicht in meine Fähigkeiten wuchs, desto weniger kümmerte ich mich um die mir selbst gesetzte Regel, das Nachschussrisiko zu vermeiden, indem ich grundsätzlich Positionen nur während der offenen Börsenzeiten hielt.

Hexensabbat am Markt – der Tag des großen Verfalls

Es kam also soweit, dass mir an einem Freitagmittag ein „Superdeal“ einfiel. Ich habe mich an diesem Tag schon gewundert, warum der Markt komplett entgegen seinem Trend nur noch oben zu schießen versucht. Alle Zeichen des DAX standen auf Verkaufen – nur niemand schien zu verkaufen. Mir fiel auf, es war wieder einmal Dreifacher Hexensabbat am Markt – der Tag des großen Verfalls. Der DAX war monatelang auf einem Allzeithoch und nur in den letzten Wochen rapide gefallen. Die großen Spieler am Markt hatten also einen erheblichen finanziellen Vorteil, wenn ihre auf hohem Kurs gekauften Zertifikate, zu einem möglichst hohen Kurs auch wieder verkauft würden. Sie pushten also die Kurse künstlich nach oben. Dies konnte nur nicht sehr lange anhalten – die Tendenz lag eindeutig auf fallenden Charts. Mir erschloss sich also die Möglichkeit, an diesem Freitag auf hohen Kursen zu verkaufen (short zu gehen), um mich nach dem Wochenende am Montag wieder bei niedrigen Kursen einzudecken. Eine Chance, die nicht alle Tage kommt und die ich natürlich ergriff.

Ich errechnete mir also schnell meinen Hebel

Es musste alles schnell gehen, der Handel stand kurz, davor für das Wochenende geschlossen zu werden, und am Montag würde es zu spät sein. Ich errechnete mir also schnell meinen Hebel und wie viel Geld ich bereit war zu riskieren. Da ich das Nachschussrisiko im Hinterkopf hatte, durfte ich also kein zu großes Risiko eingehen – damit ich bei falschem Spielausgang nicht in der Kreide stehen würde. Hier nun beging ich den folgenschweren Fehler.

Ich errechnete die Anzahl meiner CFDs und verrechnete mich um eine Zehnerpotenz. Es hätten glaube ich sieben CFDs mit eingestelltem Hebel sein müssen – meine schnelle Rechnung auf dem Notizblock ergab jedoch 70. Ich schloss den Trade ab und begab mich ins vermeintlich ruhige Wochenende. Am Sonntagmorgen unter der Dusche traf es mich wie ein Blitz, als ich meinen Fehler bemerkte. Der Sonntag war für mich gelaufen – der Herzschlag war nicht mehr runter zu kriegen – und ich brachte die ganze Nacht kein Auge zu. Schnellstmöglich bei Börsenbeginn – bevor es zu spät war musste ich meinen Fehler korrigieren und alles liquidieren – ich konnte es mir nicht leisten, das Zehnfache an Verlusten einzufahren. Wenn das ganze schief ginge und der DAX wider Erwarten nach oben drehte, hätte das riesige Verluste zur Folge gehabt. Wenn ein Kursfeuerwerk – so unwahrscheinlich es war – ausgebrochen wäre, hätte ich für den Rest meines Lebens die Schulden bei der Bank tilgen dürfen. Es war zu spät. Der Markt hatte schon korrigiert und zu völlig anderen Kursen den Handel begonnen.

hexensabbat
roter Punkt im Chart = Verkauf (short)
grüner Punkt = Kauf

 

Der Markt hatte schon korrigiert und zu völlig anderen Kursen den Handel begonnen

Gott sei Dank mit den richtigen Kursen. Meine Einschätzungen trafen also zu und der DAX startete ein paar Hundert Punkte unter seinem Stand von Freitag. Ich hatte an einem Wochenende wegen meines Rechenfehlers 19.000 € Gewinn gemacht statt lediglich 1000 €. Puh – gerade nochmal gut gegangen und dabei sogar einen ordentlichen Gewinn eingefahren – aber vom CFD-Handel hatte ich ein für alle Mal genug. Irren ist menschlich – und genau deshalb werde ich mich nie wieder auf Risiken einlassen, die potentiell den kompletten Ruin bedeuten könnten.

Dies war eine Lehrstunde ohne bezahltes Lehrgeld, aber sie hatte maßgeblichen Einfluss auf mein weiteres Investorenleben. Vom Chartanalysten, Zocker und Casino-Spieler habe ich mich zu einem konservativen Fundamentalinvestor entwickelt, der gar nicht daran denkt, Aktien kürzer als 6 Monate zu halten. Und meinem Herz geht es immer noch sehr gut.

euer Pari

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0 Responses

  1. Schön und interessant geschrieben, regt zum Nachdenken an, wenn man sich selber schon mit dem Thema auseinander gesetzt hat.

    Schöne Grüße Tris

  2. Super informativer Artikel der einem am Lesen hält.
    Ich selber bin seit einem Jahr volljährig und beschäftige mich seit längerer Zeit mit Aktienhandel. Nun hat mein Vater mich ausdrücklich vor dem Thema Trading gewarnt und nun weiß ich warum.
    Vielleich lesen sie das ja noch obwohl dieser Artikel von 2014 ist
    Lg

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