Benjamin Graham, Wirtschaftsprofessor und Lehrmeister des legendären Warren Buffett, sagte einst: „Der größte Feind des Anlegers schaut ihm jeden Morgen aus dem Spiegel entgegen.“ Aber warum ist das so, und welche psychologischen Mechanismen treiben uns in systematische Fehlentscheidungen? Und wie können wir dieses Wissen nutzen, um diszipliniert und somit besser zu investieren?

Wir Menschen sind von unserem Freien Willen und der Fähigkeit zu rationellem Handeln überzeugt. Dabei übersehen wir gerne, dass der Großteil unseres Handelns ein direktes Resultat von mehreren Millionen Jahren Evolution ist. Die meisten dieser psychologischen Prozesse wirken unterbewusst, führen aber im Endeffekt dazu, dass wir unsern Alltag pravourös meistern. So steuern wir z.B. ein Auto sicher durch den täglichen Großstadtwahnsinn, ohne viel darüber nachdenken zu müssen, was wir tun.

Bezogen auf gutes und diszipliniertes Investieren werden unsere unterbewussten Handlungen allerdings schnell zu Problem.

 

Angst und Panik: Der Mensch ist ein Herdentier

Meine Eltern wohnen auf dem Land. Meine Mutter stellte kürzlich fest, dass alle Schafe beim grasen immer in die gleiche Richtung schauen. Der Grund ist klar. Schafe, die sich vor der Flucht erst noch umdrehen müssen, werden schneller vom Wolf gefressen. Im Übrigen verhalten sich Herden von Menschen nicht anders als Herden von Schafen. Fällt ein Schuss, rennen alle in die gleich Richtung los. Auch die, die den Schuss garnicht gehört haben, fangen an zu rennen.

Herdentrieb beim Investieren

Alle Schafe in der Herde schauen in die selbe Richtung: Investoren sollten diesen Fehler vermeiden.

 

Auch hier ist das evolutionäre Handlungsmuster klar. Es macht total viel Sinn, sich der rennenden Menge anzuschließen. Es steigert die Überlebenschancen, nicht erst zu warten, bis die Gefahr da ist. Es senkt die Überlebenschancen aber nicht, einmal umsonst weggerannt zu sein.

Das Phänomen der fliehenden Herde ist an Börsen sehr schön zu beobachten. Es gibt sogar einen Ordertyp dafür, den “Stop-Loss”. Beginnen viele Akteure zu verkaufen, so bekommen wir Angst. Diese Emotion wird durch die soeben beschriebenen, unterbewussten psychologischen Mechanismen ausgelöst. Folgen wir unserer Emotion und verkaufen, so treffen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit eine irrationale Investment-Entscheidung, die unseren Erfolg gefährdet.

 

Die Fehlbarkeit der Masse und die Lüge vom Erfolg

Fast die gesamte menschliche Zivilisation ist ein Ergebnis von “Trial-and-Error”. Woher weiß ein Pilzsammler, welche Pilze essbar und welche giftig sind? Und was ist die sicherste Methode, nicht zu sterben? Genau, einfach die Pilze zu sammeln, die auch die anderen sammeln.

Es macht also Sinn, das zu tun was alle tun. Wir gehen in Restaurants in denen viele Leute sitzen, weil wir das als Zeichen für gutes Essen werten – und liegen damit meist richtig. Psychologisch ausgedrückt sind wir unbewusst überzeugt, dass Dinge richtig sind, wenn viele das Gleiche tun.

Jetzt ist die Börse kein Restaurant, aber wir kaufen trotzdem, wo viele Kaufen. Tatsächlich steigt mit steigenden Kursen auch das Vertrauen der Anleger, bis hin zur Euphorie. Je kontinuierlicher die Börsen steigen, desto mehr Menschen profitieren und geben Ihre Erfolgsberichte weiter. Und desto mehr Menschen folgen und treiben die Kurse weiter mit neuem Geld. Schön zu sehen war das um die 2000er Jahre beim Neuen Markt oder kürzlich beim Bitcoin.

Verstärkt wird dieser Effekt dadurch, dass wir asymmetrisch kommunizieren. Jeder erzählt gerne von seinen Erfolgen, keiner von seinen Misserfolgen. Zuhörer haben dadurch umso mehr das Gefühl, etwas Großes zu verpassen.

 

Die Gier des Investors

Auch die Gier ist – evolutionär gesehen – ein tolles Konzept. Viel zu haben schützt vor Verhungern, schafft Einfluss und verbessert so die Chance, sich zu reproduzieren. Bezogen auf unseren Pilzsammler haben wir zudem gelernt, dass der erste Pilz nur die Pilzstelle markiert.

Unser Unterbewusstsein ist also überzeugt, dass wir dort, wo wir etwas geholt haben, noch mehr holen können. Anstatt uns also über Kursgewinne zu freuen und mit Gewinn zu verkaufen, wollen wir immer noch mehr. Wir werden gierig, und wir blenden die Gefahr aus. Wir rennen blindlings in die Blase und schaffen es nicht, vor dem Crash auszusteigen. Wir kaufen Aktien, die andere kaufen, nur weil der Wert sich gut entwickelt hat. Das Ergebnis ist dann leider meist ein hoher Verlust.

 

Psychologische Fehler beim Investieren vermeiden

Wir können unsere Emotionen nicht kontrollieren. Ein Horrorfilm wird bei uns immer Ängste auslösen, obwohl es rationell gesehen gar keine Grund dafür gibt. Aber wir können die zugrundeliegenden psychologischen Mechanismen verstehen und durch diszipliniertes Investieren Fehler vermeiden.

Ich empfehle daher, vor jeder Investment-Entscheidung eine kleine Checkliste (zumindest im Kopf) durchzugehen. Die Grundannahme sollte hierbei sein, dass der Preis langfristig den fundamentalen Wert eines Investments nicht unter- oder übersteigen sollte. Denn auch der emotionalste Investor kehrt irgendwann auf den Boden der Tatsachen zurück.

Typische Fragen, die Sie sich beantworten sollten, sind daher:

Wie schätze ich den Wert und die Wachstumschancen ein? Macht es Sinn, jetzt noch einzusteigen oder übertreibt der Markt bereits? Aktuelles Beispiel: die massive Übertreibung bei Beyond Meat (US08862E1091).

Ist ein heftiger Kurseinbruch gerechtfertigt? Oder haben die Leute einfach nur Angst? Bedroht das Ereignis, das den Einbruch ausgelöst hat, das Geschäftsmodell des Unternehmens tatsächlich? Schönes Beispiel: der Kurseinbruch und die folgende Erholung der Sberbank (US80585Y3080) als Folge der Krim-Krise.

Bin ich gierig? Sollte ich einen Teil meiner Gewinne mitnehmen? Sind meine erzielten Kursgewinne fundamental untermauert, oder ist viel Spekulation im Markt? Beispiel: Neuer Markt.

Treffe ich meine Entscheidung selbst? Oder lasse ich mich eigentlich nur von Anderen beeinflussen? Würde ich die gleiche Entscheidung ohne die externe Beeinflussung treffen? Beispiel: das blinde Vertrauen in ETF-Sparpläne.

Gehe ich (zu) große Risiken ein? Versuche ich eigentlich nur, einen Verlust zu kompensieren (Vorsicht bei Nachkäufen)? Würde ich die gleiche Portfolio-Allokation treffen, wenn ich das Portfolio für einen guten Freund zusammenstellen würde?

 

Ich persönlich wende diese einfachen Regeln seit Jahren erfolgreich an. Selbstreflektion hilft mir, Werte mit Verlust zu verkaufen oder auch an Werten trotz hoher Verluste festzuhalten. Sie hilft mir, Schritt-für-Schritt Gewinne mitzunehmen, auch wenn es vielleicht noch höher geht.

Ich muss auch zugeben, dass mir das nicht immer gelingt, und dass ich öfter in die Falle meiner eigenen Psychologie tappe. Häufig werde ich dann bestraft. Im großen und Ganzen erlauben es meine Regeln mir aber, mein Portfolio diszipliniert und erfolgreich durch Baisse und Hausse zu steuern.

 

Euer Wolfram

 

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